Mittwoch, 3. Mai 2017

Taxi Curacao - Stefan Brijs - Die Geschichte einer Generation



Stefan Brijs ist ein 47-jähriger Autor und Lehrer, der mehrere Preise erhalten hat. Bislang sind in deutscher Sprache im btb Verlag »Taxi Curaçao«, »Der Engelmacher« und der Kriegsroman »Post für Mrs. Bromley« erschienen. Im deutschsprachigen Raum hat der Autor noch keinen großen Bekanntheitsgrad. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Umstand bald ändern wird. Selten hat eine Sprache und Konstellation einer Familiengeschichte so tiefe und langandauernde Eindrücke hinterlassen können wie der Roman »Taxi Curaçao«. 

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive eines Lehrers und Ordensbruders aus Curaçao erzählt. Seine Erzählung umfasst die Tage des 18. und 19.7.2001 und spiegelt seine Gedanken des Istzustandes. Ergriffen von den Umständen des Lebens beginnt er die Geschichte der Familie Tromp zu erzählen. Eine Familie, die zum Stück seines Lebensinhaltes geworden ist. Kapitelweise durchwühlt er die frühen Lebensphasen und arbeitet sich Stück für Stück in die Gegenwart hinein. Man wird als Leser auf eine Reise geschickt, die zu einem Erinnerungsbecken wird, in welches man immer wieder gerne zurückkehren und hineinspringen will. 

Es ist eine Generationengeschichte. Sie beginnt mit dem Großvater Roy. Ein stolzer Mann, dem der Ruf seines Lebens den Lebenstakt vorgibt. Nichts ist wichtiger, als sich einen großen Namen zu machen und diesen weiter mit zahlreichen erfundenen Geschichten der Welt zu präsentieren. Im ersten Teil des Romans wird sein vogelfreies Leben reflektiert. Man durchlebt die Geschichte dieser Figur durch alle Facetten des Lebens. Sein Kerngeschäft ist das Taxifahren, von dem er so sehr überzeugt ist, dass für seinen Sohn keine andere Berufung infrage kommt. Sein Dodge, der ihn sein ganzes Vermögen und noch mehr gekostet hatte, ist dabei heiliger als seine Familie. Bis hin zum Ruhestand, ohne dass die Geschichte hierbei zur Ruhe kommen würde, denn es heftet sich nun an die Geschichte seines Sohnes Max.

Bei ihm schlägt ein Generationswechsel an. Es sind die 60er und 70er Jahre. Ende 69 kam es zu einer Ölkrise und somit auch zu einer Geldkrise. Max ist anders als sein Vater. Zielstrebiger. Klüger. Er will der Armut entfliehen und etwas aus seinem Leben machen. Hier spielt der Ich-Erzähler, der sich Daniel nennt und sein Lehrer ist, eine tragende Rolle. Er wird nicht nur ein Freund der Familie. Sondern viel mehr die Stütze, die Beraterfigur und der Erzähler einer unfassbar spannenden Geschichte. Das Schicksal von Max meint es, trotzt zahlreicher guter Absichten, nicht immer gut mit ihm. Curaçao ist die Armut in Person. Da wo Armut herrscht, steckt man tief in ihr drinnen. Hinauszukommen ist beinahe unmöglich. Max kämpft um ein besseres Leben. Versucht dem Taxigeschäft den Rücken zu kehren. 

In der dritten Generation steckt nun der Sohn von Max: Sonny. Es ist die erste Generation, der es nicht mehr so sehr an Geld fehlt. Seine Eltern versuchen alles, um ihm ein Leben zu ermöglichen, welches sie niemals hatten. Trotz zahlreicher Möglichkeiten schlittert Sonny genauso wie seine männlichen Vorgänger immer zwischen Erfolg und tiefer Niederlage. Klug, jedoch scheinen die Klauen der Familientradition immer nach ihm zu greifen. Selbst das Vater-Sohn Verhältnis scheint ein Spiegelbild der männlichen Tradition zu sein. An welchem Punkt scheitert man als Vater?

Zur Jahrtausendwende durchlebt die Insel Curaçao in jener dritten Generation einen Aufschwung. Dieser manifestiert sich jedoch durch das Drogengeschäft. Curaçao liegt zwischen Venezuela und Kolumbien. Sodass Drogenbosse aus der Insel ein Transitland gemacht haben. Curaçao ist ein Land des Königreichs der Niederlande. Die Einwohner gehören zahlreichen Ethnizitäten an. Während die Amtssprache niederländisch ist. 

In dieser Familiengeschichte wird Barber, ein armer Stadtteil der Insel Curaçao, belichtet. Schwarzhäutige Menschen, die um ihre Rechte kämpfen und hoffnungsvoll eine Veränderung der desolaten Zustände herbeisehnen. Stefan Brijs erzählt auf eine unfassbar filigrane Weiße von einer Welt, die man so nicht gekannt hat. Gesellschaftskritisch deutet er darauf hin, wie kleinräumig wir blicken. Wie klein unsere Probleme und Sorgen sind. Dass es Nöte gibt, die wir nie für möglich gehalten hätten. Menschen die über unsere großen Probleme und Sorgen lachen würden. Dieser Roman regt an, die Schwierigkeiten seines eigenen Lebens anders zu reflektieren. 

Seine Konstruktion zwischen fiktionaler Geschichte und historischem Hintergrund eröffnet eine atemberaubende Anekdote, die auf diesem Niveau in den letzten Jahrzehnten kaum Konkurrenz findet. Sehnsucht und Trauer empfindet man nach dem Ende des Buches. Die Sprache, die einen nach dem letzten Wort verlässt, ist wie die verlorene Liebe, die man erst dann begreift, wenn sie nicht mehr da ist.


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