Freitag, 28. April 2017

Die Entscheidung - Charlotte Link - Die Finsternis unserer Welt



Die mittlerweile 54-jährige Bestseller Autorin Charlotte Link hat ihr nächstes Buch herausgebracht. Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Nach den letzten zwei sehr aufregenden Büchern »Im Tal des Fuchses« und »Die Betrogene«, war die Vorfreude auf den neuen Krimi »Die Entscheidung« dementsprechend exorbitant. 

Charlotte Link Kenner werden von der Erzählweise wenig überrascht sein. Meisterhaft spinnt die Autorin wieder ein Netz von widerwärtigen Konflikten und Geschehnissen. Erwartungsgemäß gelingt ihr das in ihrer prägnanten Sprache äußerst famos. Die Leichtigkeit der Schilderung der Ereignisse ist eine Tugend, die diese Autorin zu ihrer breiten Beliebtheit verholfen hat. Der Stil ihres Erzählens verleitet Menschen dazu, sich auch in Geschichten verlieben zu können. Bei dem neuen Werk scheint mir jedoch die Intensität zu groß zu sein. Die Beschäftigung mit den Details zu ausgeprägt. Seitenfüller. Unwichtiges als Wichtiges reklamierend. Ungewohnt bei dieser ansonsten prägnanten Schreiberin.


Die Handlung spielt sich zu einer Zeit ab, in der in Frankreich wegen der Terroranschläge immer noch der Ausnahmezustand herrscht. Die Erzählung beginnt mit einer Flucht Anfang Dezember, und umfasst eine mehrwöchige Odyssee durch Missverständnisse, Elend, Macht und Angst. Kapitelweiße werden immer die Tage datiert, an denen sich die Handlung abspielt. Eine Reise ist es auch deswegen, weil sich die Geschichte an mehreren Orten abspielt und sie, trotz der großen Entfernungen zueinander, verbindet. Paris, Lyon, Les Lecques und Sofia sind dabei zentrale Verbindungsantennen.

Die Hauptprotagonisten des Romans Nathalie und Simon sind die Säulen der Erzählung. Wobei Nathalie aus einer monologartigen Ich-Perspektive ihre Geschichte und die gegenwärtigen Handlungen erzählt und Simon aus der auktorialen Erzählsicht beschrieben wird. 
Weiters wird die Geschichte, wie bei Link gewöhnlich, aus der Sicht von vielen verschiedenen Figuren dargestellt. Man bekommt ein Konstrukt einer Geschichte aus den Augen vieler Charaktere. Diese äußerst interessante Vorgehensweise macht den Inhalt dieses Buches spannend. Die Spannung gerät jedoch immer dann ins Wanken, wenn die Erzählung dazu neigt, alles immer genau schildern zu wollen. Es macht den Eindruck einer Erklärungsnot. Mit den zunehmenden Seiten überschwemmt diese Schreibweise die Spannungselemente.

Simon ist ein 40-jähriger Übersetzer aus Hamburg, der seit einigen Jahren geschieden ist. Seine Mitmenschen echauffieren sich über seine Art, es jedem recht machen zu wollen. Durch seine Gutmütigkeit erreicht er immer das Gegenteil seiner Intentionen. Als seine Kinder ihm absagen, das Weihnachtsfest mit ihm zu verbringen, bleibt er in dem Ferienhaus seines Vaters in Frankreich alleine zurück. Seine neue Beziehung läuft ebenfalls auf sehr glattem Eis, sodass er betrübt einen Spaziergang am Strand vollzieht. Als er dort einen Streit mitbekommt und von einer jungen Frau angefleht wird ihr zu helfen, ist es wieder seine Gutmütigkeit, die ihn in eine verlegene Position kommen lässt. Er nimmt die fremde, verstörte Person mit sich in das Ferienhaus.
Der größte Fehler seines Lebens. Ab diesem Moment stürzt ihn seine Hilfsbereitschaft in eine Verstrickung, die sein Leben für immer verändern wird.

Das Buch handelt viele Themen am Puls der Zeit ab. Machtverhalten, Armenverhältnisse, Lebenskrisen und die heutzutage sehr präsente Thematik der Schleuserbanden sind dabei das Zentrum. Der Blick auf diese verschiedenen Themen wird sehr vergrößert dargestellt und durch die verschiedenen Charaktere manifestiert. Die Figuren, die aus verschiedenen Milieus stammen, versuchen diese Begriffe, aus verschiedener Sichtweise zu tragen und zu erklären. 

Die Problematik scheint mir hier zu sein, dass manchen Figuren die Authentizität fehlt. Manche Figuren wirken zu plastisch und zu hohl. Simon und Nathalie, die zwei Hauptcharaktere dieser Geschichte besitzen kaum Strahlkraft. Man fühlt sich als Leser sehr distanziert zu ihnen. Man versucht viel Abstand zu ihnen zu gewinnen.  Ein Ergebnis von zu wenig Leben in den Figuren. 
Um Marcel Reich-Ranickis Quintessenz zu Detailverliebtheit zu verwenden: 250 Seiten weniger hätten dem Buch mehr Stärke verliehen. Charlotte Link hat schon bessere Bücher geschrieben. Jedoch ist dieses Werk eines, welches sich mit sehr essentiellen, gesellschaftskritischen Themen befasst. Zu lesen lohnt es sich aus diesem Grund allemal.


Sonntag, 23. April 2017

Wie der Soldat das Grammofon repariert: Sasa Stanisic: Eine Erinnerung an ein großes Land



Sasa Stanisic ist ein 39-jähriger Autor aus Bosnien. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgestattet und gehört zu den größten deutschsprachigen Schreibtalenten. Er hat Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studiert. Das Buch "Wie der Soldat das Grammofon repariert" wurde in über 30 Sprachen übersetzt und in Graz auf der Bühne aufgeführt.
Die Sprachgewalt und ihre Wirkung sind auf bemerkenswerte Art und Weiße gelungen. Wörter, die zu starken Bildern werden. Geschichten, die nach Erinnerungen streben. Es geht um ein Land, welches von der Bevölkerung geliebt wird, aber zerfallen muss. Leise und weit weg scheint der Krieg zu sein. Selbst als er lange schon herrscht, redet keiner davon und denkt, dass es schnell vorbei sein wird. Sasa Stanisic hat ein Buch geschrieben, welches die Magie besitzt, mit filigranen Mitteln, Menschen in atemlosen Zustand zu versetzen.
Der Ich-Erzähler Aleksandar wächst in Visegrad als 14-Jähriger auf. Er ist halb Moslem und halb Orthodoxe.Sein Vorbild ist sein Großvater Slavko. Dieser ist Vorsitzender eines Lokalkomitees in Visegrad. Zahlreiche Stunden verbringen sie an der Drina und lesen das Kapital. Tito ist das große Vorbild.  Aleksandar ist ein Anhänger von unvollendeten Dingen. Äußerst intelligent hinterfragt er das Leben. Er versteht vieles nicht und als er es verstehen will, bricht bereits der Krieg aus und das Hinterfragen ist nun nutzlos. Jetzt darf nichts mehr gefragt werden, weil es unwichtig ist. Überleben ist die Tagesordnung. All die gewöhnlichen Sachen des Lebens gibt es nun nicht mehr. In den Schulklassen werden die Bilder von Tito abgehängt und seine Ideen vergessen gemacht.

Zusammen mit den Nachbarn des Hochhauses sitzen sie in einem Keller. Soldaten marschieren ein und fragen nach Namen. Er beschützt seine Freundin Asija, indem er ihr einen "richtigen" serbischen Namen gibt.
Sie flüchten schließlich 1992 nach Deutschland. In Essen bekommen sie beim Onkel Unterschlupf, in dem fünf weitere Familien leben. Schwarzarbeit und Kampf um Akzeptanz werden die neuen Grundordnungen ihres Lebens.  Als das Dayton-Abkommen den Frieden wieder einlenkte, mussten sie wieder zurück. Freiwillige Rückkehr nannte man das. Aber wie soll eine Rückkehr, eine Rückkehr sein, wenn es sich um einen Ort dort handelt, dem die Hälfte der ehemaligen Bewohner fehlt, fragt sich Aleksandar. Er darf bleiben, wegen seines Studiums, seine Eltern wandern nach Amerika aus.

 Die Geschichte ist durchpflügt mit Erinnerungen. Wie die Zeit vor dem Krieg war. Was der Krieg hinterlassen hatte und wie sich ihr Leben verändert hatte. Das Angekommensein und die Suche nach der Erinnerung und der Wahrheit sind zentrale Themen des Buches.  Die Suche nach einer Wahrheit (aber welcher?) "... einen Hobel, der von den Geschichten die Lügen abkapseln kann und von den Erinnerungen den Trug" wünscht sich der Hauptprotagonist.
Nach dem Ende des Krieges will er wissen, was aus den anderen geworden ist. Er schreibt Listen auf, um sie zu finden. Er will seine Asija finden. Hat ihr all die Jahre Briefe geschrieben, ohne eine Antwort zu erhalten.
Das Buch ist eine Suche nach dem Frieden, nach der wahren Geschichte, nach den Opfern, der Liebe, den Freunden. Eine Frage um ein Land, welches nicht mehr existiert. Wie konnte das geschehen? Menschen, die sich liebten, die sich schätzten, wurden zu Feinden, die sich nicht mehr kannten.  Sasa Stanisic hat mit diesem Buch ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Er wirft Fragen auf, die uns an die Türe unserer Herzen klopfen. Die uns wehmütig nachdenken lassen. Er spiegelt eine Gesellschaft wider, die verlor, weil man ihr suggerierte, das dies der richtige Weg sei.

 

Mittwoch, 12. April 2017

Die größere Hoffnung: Ilse Aichinger: Die Hoffnung als Lebenselixier


Die Wesenszüge der Geschichte heften sich klammheimlich an die Lebenserfahrungen der Autorin. Jedoch ist dieses Werk nicht als Assoziation einer expliziten Autobiographie zu deuten. Vielmehr ist es eine Sammlung aus Erlebtem und Fiktivem. Eine Sammlung, da es keine lineare Geschichtserzählung ist, sondern aus vielen epischen kurzen Anekdoten besteht. Sie versucht die Gräueltaten des 2. Weltkrieges zu projizieren. Im Folgenden möchte ich kurz versuchen, die wichtigsten Aspekte zu erläutern und die Frage zu klären, wieso der Text immer wieder einen Zusammenhang zum Titel „Die größere Hoffnung“ schafft.

Zu Beginn des Buches findet ein Konsul Ellen, die Hauptprotagonistin, schlafend auf einer Landkarte. Sie bittet ihn, um ein Visum, da keiner für sie bürgen will und ihre Mutter bereits nach Amerika ausgewiesen wurde. Der Konsul gewährt ihr kein Visum aus dem Grund, weil nur jemand, der sich selbst ein Visum geben kann, frei ist. Als sie am nächsten Tag aufwacht, ist keiner da. Sie hört nur von einem Blinden, dass der Krieg ausgebrochen sei. Dieser wird während des Buches noch zu seinem Höhepunkt gelangen und immer heftiger.
Die erste Begegnung mit der Hoffnung macht man in der Szene, in der Ellen auf Kinder am Kai trifft. Diese warten, dass ein Kind ins Wasser fällt, damit sie es retten könnten, dann würde man für sie bürgen, weil sie eine heroische Tat vollbracht hätten. Die Kinder besitzen 4 „falsche“ Großeltern und es ist aus ihrer Perspektive die einzige Möglichkeit für eine Hoffnung.

In einer nächsten Abfolge spielen die Kinder auf einem Friedhof, weil sie Spielplätze nicht betreten dürfen. Züge fahren rasend schnell vorbei, als wollten sie den Kopf wegdrehen, um das Grauen nicht zu sehen, so wie die Menschen es auch tun. Im Friedhof sinnieren sie darüber, wo sie hinkönnten. Sie beschließen, dass es das Heilige Land sein müsste. Jerusalem. Dort könnten sie sorglos leben. In diese Gedanken tritt wieder der Hauch einer Hoffnung ein.

Die Kinder spielen ständig ein Spiel im Dunklen. Sie suchen dabei den Frieden. Ein Mann, der sich als Freund ausgibt, spielt es eines Tages mit ihnen. Jedoch, um sie an Ort und Stelle zu halten, weil sie deportiert werden müssen. Alle bis auf Ellen. Sie macht sich auf die Suche nach den Freunden und findet sie. Ein Oberst vernimmt sie und sagt, dass sie doch froh sein müsse ordnungsgemäß gemeldet zu sein. Dies sei nicht selbstverständlich. Dadurch, dass Ellen nur zwei „falsche“ Großeltern hat, hat sie auch mehr Rechte. Sie antwortet ihm, dass man nicht an den Einzelfall denken sollte, sondern an die große Menge. Die Macht. Sie wird wegen unerlaubten Antworten und Fragen verurteilt und soll am nächsten Tag abgeholt werden. Sie sagt, dass selbst sie alle in den Behörden nicht wissen, woher sie sind. Ellen behält auch in größter Gefahr die Hoffnung, ihre Freunde noch retten zu können.

Am nächsten Tag wütet der Krieg. Bomben platzen. Sie erwacht in einem Keller. Macht sich auf dem Weg zu der Brücke, um das Land zu verlassen. Sie gibt bis zu ihrem letzten Atemzug ihre Hoffnung nicht auf..

Ellen schließt sich den Unterdrückten an, weil die Machthaber, die ihresgleichen sind, ihr fremd und bestialisch vorkommen. Aichinger hat einen Roman geschrieben, welcher die Gefühlswelt der Personen in den Vordergrund stellt. Es ist nicht die Geschichte, sondern es sind die Charaktere, die diese Geschichte entblößen als ein Meisterwerk.
Die Frage, wer für sie jemals bürgen wird, beschäftigt die Kinder das gesamte Buch lang. Wo liegt die Berechtigung für das Bürgen? Wie weit zurück geht sie? So weit bis zu Kain und Abel, wo selbst für sie nicht mehr gebürgt werden kann? Die Hoffnung steht für die Freiheit. Frei ist man nur, wenn man den Idealen und Vorstellungen der Gesellschaft entspricht. Die Hoffnung entblößt sich jedoch als Fata Morgana. Schön, unerreichbar, bezweifelbar, ein Schein der trügt.

Als sie  auf einem Dachboden sitzend von Soldaten befragt werden, wo ihre Regeln seien, antwortet ein Mann, den sie mit einem Messer in den Bauch gestochen hatten, »... und ihr? Weshalb seid ihr hier? Weil ihr euch nichts erklären könnt, zieht ihr in den Krieg! Weil ihr euch lächerlich vorkommt, schlüpft ihr in die Uniform.« (Aichinger 1945: 104)
Diesen Scheinglanz der Hoffnung versucht Aichinger auch durch einen älteren Mann zu widerlegen: »Man behält nur das, was man hergibt ...

Gebt ihnen also, was sie euch nehmen, denn sie werden immer ärmer davon. Schenkt alles weg, um es zu behalten. Werft den Glanz eurer Gesichter in die Finsternis, um ihn zu verstärken.« (Aichinger 1945: 152). 
Die Hoffnung würde sie alle ändern. Doch sie sollten bis zum Schluss sie selbst bleiben.



Dienstag, 11. April 2017

Elizabeth Little; Mördermädchen: Stimme der Vernunft


Das Buch ist in einem phänomenalen Stil geschrieben und fesselt einen vom ersten Moment an. Die Figur Jane Jenkins hat solch spezifische Eigenschaften, dass man nicht anders kann, als sich an ihr Leben zu ketten. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive geschrieben.


Jane Jenkins saß 10 Jahre wegen Mordes an ihrer Mutter im Gefängnis. Damals war sie 17, nun als 27-Jährige kommt sie wieder raus, weil man die Anklage fallengelassen hat. Ihr Einziger Vertrauter ist ihr Anwalt Noah Washington. Das Problem ist, sie kann sich weder an die Tat noch an irgendetwas erinnern, was an diesem Tag geschehen war.
Es gab bei der Leiche ihre DNA Spuren, und ihren Namen, welcher neben der Leiche aufgeschrieben wurde. Alles deutete auf sie. Auch der Umstand, den nur sie selbst wusste, dass sie ihre Mutter nie besonders gemocht hatte.
Freigelassen wurde sie, weil man gegen Mitarbeiter des Kriminallabors Anklage erhob, die vorsätzlich Beweise manipuliert haben.
Doch die Mehrheit der Medien war sich sicher, dass sie dennoch schuldig war. Ein Crime-Blogger, Trace Kessler, der sich mit dem Fall von Anfang an beschäftigt hatte, setzte eine Belohnung von 50.000 aus, wenn man ihm verraten würde, wo sie sich aufhielt.
Sie war seit bereits 6 Wochen in Sacaramento - versteckt vor der Öffentlichkeit.
Ihr Ziel war ihr bereits im Gefängnis vor Augen erschienen. Sie wollte dorthin, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Dort, wo alles begann. Vielleicht würde sie dort den Mörder finden, jemanden, der ihre Mutter und sie so sehr hasste, dass er ihnen das antun könnte. Oder, sie würde herausfinden, dass tatsächlich SIE die Mörderin war.

Eine wirklich interessante Geschichte. Ich fand sie auch sehr gut konstruiert und von der Ideologie sehr realistisch manifestiert. Leider wurde das Ende und die Beschreibung über das "Warum" zu dünn ausgelegt. Die Tatsachen waren letztendlich nicht explizit formuliert worden, was den Eindruck des Thrillers am Ende deutlich schmälerte, als er tatsächlich zu sein vermag.



Tommy Jaud; Millionär: irre Story


Die Anekdote rund um Simon hat sehr viel an Brisanz gewonnen. Es ist ein Roman entstanden, der oftmals lustig, oftmals unrealistisch, oftmals sarkastisch und oftmals brisant für eine sehr angenehme Unterhaltung sorgt. Gemäß dem Genre auch nichts anderes zu erwarten und deswegen sehr empfehlenswert!

Simon, 32, führt für seine Freunde das Leben eines Arbeitslosen. Aus diesem Grund ist für sie auch selbstverständlich, dass er alles zu organisieren hat und dass man ihn auch beim Essen einlädt und für ihn Geld vorstrecken muss.
Diese Umstände ärgern Simon. Denn, er ist kein gewöhnlicher Arbeitsloser. Er engagiert sich für die Welt. Vor allem für die Menschen, die in ihr ihr Unwesen treiben. Akribisch untersucht er alle Produkte, die den Kunden verkauft werden, und stellt sie auf die Prüfwaage. Er kommt zwar auf sehr skurrile Ideen, Kritiken auszuüben, aber besser Kritik an kleinen Problemen, als kopflos darüber hinwegsehen. Seine zahlreichen Beschwerde E-Mails und Anrufe erreich des Öfteren Annabelle Kaspar. Diese hatte vor einem Jahr in Köln studiert. Sie erzählt ihm von einem Arabischen Laden in dem sie immer war und bittet ihn dort den Inhaber zu grüßen. Als er dies tut, gibt ihm dieser eine Tasche, die sie vor einem Jahr bei ihm liegen gelassen hatte. So versucht Simon verbissen, und am Anfang erfolglos, sie in der Verbraucherzentrale zu erreichen. Als er sie erreicht, beginnt eine Freundschaft. Sie erzählt ihm, dass diese Tasche das Letzte ist, was sie in Köln gelassen hat. Zusammen mit ihrem Freund, der sie an diesem Abend betrogen hatte. Sie verließ Köln und kehrte nie mehr zurück.
Probleme hat er natürlich auch. In Form einer neuen Nachbarin, der er auf übelste Art und Weise das Leben zur Hölle zu machen versucht. Sie ist Geschäftsführerin in einer Plattenfirma und Wohnt im Penthouse über ihm. Selbstverliebte, arrogante und reiche Menschen hat das Land schon genug. Das Problem jedoch ist, dass sie so viel Krach macht, sodass eher sie ihm das Leben zur Hölle macht. Er nimtm sich immer vor sie fertigzumachen, jedoch ist sie so nett zu ihm, dass er es nie schafft ihr seine Meinung zu sagen.
Burnout hat er, laut seinem Arzt, auch noch. Also was tun?
Er schmiedet Pläne Millionär zu werden. Dabei entstehen sehr viele skurrile und lustige Situationen, die den Roman zu einem echten Klassiker machen.



Paul Cleave; Zerschnitten: Das Dämmerlicht des Seins


Paul Cleave ist für mich der Meister der Erzählungen. Ich habe bislang jedes Buch von ihm gelesen und mir scheint, dass er mit jedem Buch den Glanz des Schreibens verstärkt. Ich bin von diesem neuen Meisterwerk einfach nur elektrisiert.

Jerry Gray leidet an Alzheimer. Für jeden Menschen eine der schlimmsten Diagnosen, die man erhalten kann. Da Jerry ein Krimiautor ist, beschließt er seine Geschichte in einem Protokoll festzuhalten. Damit er nie vergisst, wer er einmal war. Kapitelweiße wird über den gegenwärtigen Zustand von Jerry geschrieben und Einträge aus dem Protokoll manifestiert. Auf diese Weise lernt man den Menschen, der er war, kennen. Eine äußerst geniale Idee.
Die Geschichte ist perfekt konstruiert. Zu dem Hauptprotagonisten Jerry, wird auch die Figur Henry Cutter erstellt. Diese ist der Pseudonym des Protagonisten für seine Krimis. Viel mehr wird jedoch deutlich, dass sie nicht nur ein Pseudonym ist, sondern auch eine eigene Persönlichkeit.
Für Jerry ist das Lesen seines Protokolls, die einzige Möglichkeit, sich zu erinnern, wer er ist. Selbst, wenn er diese Person aus der Vergangenheit für fremd ansieht und sie wohl auch gar nicht mehr mag. Als das Protokoll jedoch verschwindet und er sich nicht mehr erinnert, wer und was er ist, schwimmen die Irritationen in seine Hirngegenden und er ist plötzlich alles. Familienvater, Krimiautor, Demenzkranker und MÖRDER. Doch hat er all die Taten, die ihm angelastet werden, tatsächlich begangen?
Wem kann er trauen, wenn er nicht einmal sich selbst glauben kann?

Ein perfides Spiel beginnt, bei dem Paul Cleave sein größtes Können beweist. Vielleicht kann man sich den Verlauf der Geschichte mit der Zeit eigens konstruieren und denken, doch so, wie das Ende letztendlich konstruiert wurde, ist es einzigartig. Ein Prototyp der seinesgleichen sucht. Ein äußerst unerwartetes Ende.

Dieses Buch ist eine absolute Leseempfehlung!



Gesund bleiben bis 100; John Robbins: Zielsicher durchs Leben


Wir Menschen brauchen immer viel zum Leben. Je mehr desto besser. Wir greifen nach allen Dingen und glauben so unser Leben lukrativer gestalten zu können. Ist das Materielle und Wohlstand der Kern eines erfüllten Lebens? Gibt es nicht essentiellere Dinge für die Tragweite eines glücklichen Lebens? Ja, gibt es definitiv. John Robbins erklärt profund und wegweisend, welche dies sind.

Ein äußerst bewegendes Buch eines Menschen, der alles hatte und es nicht nehmen wollte. Sein Vater verdiente Milliarden mit Eiscreme. Doch John Robbins konnte diesen Weg seines Vaters, aus ethischer Sicht, nicht gehen. Deswegen entschloss er sich ein Leben zu führen, welches ihn glücklich machte. Gesund, glücklich, respektvoll und sportlich.

Er beschreibt in diesem Buch die verschiedenen Völker, die eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung haben. Dies visualisiert er durch wissenschaftlich belegte Fakten und zudem werden alle wissenschaftlichen Belege genauestens beschrieben und zitiert.

Seine Äußerungen über die Möglichkeit ein gesundes Leben durch gesunde Ernährung, Sport und einem zufriedenen Leben zu führen, fand ich sehr inspirierend und es verhalf mir, Dinge mit anderen Augen zu sehen. Ich glaube, dass man vieles besser versteht, wenn man sich die Zeit nimmt, dieses Buch zu lesen und versucht die wichtigsten Grundsätze dieses Buches zu verwirklichen.



Heldenplatz; Thomas Bernhard: Die Wiege des Bösen


Thomas Bernhard war ein Querdenker. Ein Mensch, der die Welt verstand, doch die Welt verstand ihn nicht. Tragisch-komischer Gedanke.
Heldenplatz ist ein gewaltiges Buch. Die Charaktere sind zwar etwas platt und esoterisch, doch ihre Gedanken und Wortspiele sind so konfiguriert, dass sie eine Ebene erschaffen, die Gefühle freilassen, die den Leser fesseln, schockieren, elektrisieren und verwirren.

Zugegeben klingen die Dialoge wie Monologe und die Monologe wie Gedanken von Bernhard selbst. Als spräche aus jeder Person Thomas Bernhard.
Nicht zu vergessen ist die Geschichte: Der Inhalt ist düster und infernalisch. Als prägendes Ereignis greift Bernhard jenes aus dem Jahre 38`heraus.
Der Tag an dem die österreichische Bevölkerung frenetisch Hitler am Heldenplatz begrüßte und ihn empfing wie einen Gott.
Dieses laute Schreien der Menge hörte die Frau des verstorbenen Professors immer wieder, wenn sie ihre Zeit in der Wohnung in Wien am Heldenplatz verbrachte. Sie hielt es nicht mehr aus. Konnte es nicht mehr hören. Als sie schließlich beschließen nach Oxford umzuziehen, springt der Professor aus dem Fenster und begeht Selbstmord.
Über dieses Ereignis und dieses Verhalten diskutieren nun alle nahestehenden Mitmenschen des Professors und es entstehen Dialoge, die eine Welt des Prof. darstellen, die kaum Wertvorstellungen manifestierte. Wie auch? Die Welt war eine Scheibe, die alles zermalmte und keine eigenen Gedanken zuließ.
Deprimierend, zerstörend, vergebungslos, Bernhard.



Die Morawische Nacht; Peter Handke: Ein großes Stück Selbstreflexion


Die morawische Nacht ist ein äußerst authentisches und zutiefst einsichtiges Buch von Peter Handke. Die Reise des Hauptprotagonisten ist so ergriffen und breitgefächert geschildert, dass man kaum zweifelsfrei behaupten könnte, dass es nicht doch die Reise Handkes selbst ist.

Die Geschichte beginnt auf dem Bootshaus des Ex-Autors. Sechs Freunde besuchen ihn, und er beginnt auf diesem Boot seine Geschichte zu erzählen. Oder expliziter ausgedrückt: seine Flucht. Denn nichts anderes war jene Reise, die er angetreten hatte.
Flucht vor was? Vor wem? Seiner Todfeindin? Diese, die ihm ständig folgt und ihren Hass durch Briefe und tote Tiere vor die Türe legt? Anscheinend. Sie ist, laut dem Ex-Autor, die Einzige, die übrig geblieben ist, von all seinen Hassern.
Die Rundreise führte den Ex-Autor nach Numanica, nach Kärnten und in den Südharz. Sie beginnt jedoch im Balkan. In einer Enklave. Hierbei beschreibt er wie sie von Steinen beworfen werden. Von Kindern. Der alte Hass, der alte nie vergessene Zeitgeist der Balkanleute.

In weiterer Folge nimmt uns der Ex-Autor nicht nur auf eine Entdeckungsreise mit, sondern viel mehr auch in seine eigene Gefühlswelt. Die Gedanken einer Welt, Forderungen nicht entsprechen zu müssen. Erkannt zu werden, obwohl es Zeiten gab, an denen das Erkanntwerden ihn extrem gestört hatten und letztendlich auch zum alten Haus von Ferdinand Raimund, dessen Geist er spürt und dem er verrät, dass sie gleich seien, beide glauben sie nicht an das Böse, deswegen seien sie immer Verlierer gewesen, denn das Böse regiert die Welt.

All dies ist typisch für Handke, eingehüllt in Wortspielereien, die tief ans Herz gehen. Es ist eine Befreiung seines Geistes. Ein Buch, welches man jedem empfehlen kann. Ob Handke Liebhaber oder nicht. Ein Einstieg in die Literatur Handkes. Ein Bild einer Welt. Ein Laufsteg durch Erinnerungen. Das mit großem Abstand größte Meisterwerk von Peter Handke. Er selbst sagte zu diesem Buch, dass ihm endlich ein eigenes Buch vorliege, welches er jemandem empfehlen kann zu lesen.




Rezensionen:

Quazi - Sergej Lukianenko - Ein Leben ohne Angst

Was würde geschehen, wenn der Tod nicht mehr die größte Angst eines Menschen wäre? Wenn das Leben nur eine Zwischenstufe ist und der ...