Donnerstag, 19. April 2018

Das schönste Mädchen der Welt - Michel Birbaek - Literarischer Soundtrack



Leo hatte alles und an einem bestimmten Moment im Leben verlor er alles wieder. Bandtour, Auftritte und eine Freundin, Stella, die seine Musik lebt, spiegelten sein Leben. Zudem verfolgte er Liveauftritte von großen Musikern. Und auch von DEM Musiker - Prince. 1988 in der Westfallenhalle potenziert er das Bühnenerlebnis für jeden Zuschauer und verändert Leben. Auch Leos. Diesen Moment wird er niemals vergessen. Diese Zeit wird ihn für immer prägen. Das weiß er. Was er nicht weiß, ist, dass sie ihn durch Höhen und Tiefen führen wird. 28 Jahre später ist nichts mehr so wie es einmal war.

Der Ich-Erzähler Leo Palmer betreibt nun ein Tonstudio mit seinem Freund Harry. Ehemals der beste Toningenieur Europas. Ton produzieren sie zwar, jedoch keinen musikalischen, sondern Hörbücher. Für die Miete reicht es immer knapp. Seit fünf Jahren ist Leo Single und seit 20 Jahren geschieden. Mit Tinder sucht er sich seine potenziellen Freundinnen. Erfolgsversprechend ist es nicht, aber es ist der Ausgleich zu seinem tristen Leben. Nach einer äußerst erfolgreichen Karriere hat er nie mehr Fuß gefasst. Eines Tages trifft er sich mit einem Tinder-Date und lernt eine Frau kennen, die im selben Restaurant ihr Gespräch mithört. Was eine ominöse Begegnung zunächst manifestiert, weitet sich in ein brisantes Kennenlernen aus. Sie ist die schönste Frau, die er seit Stella kennengelernt hat - und die Klügste. Er scheint wieder auf der Welle des Erfolges zu reiten. Bis die Nachricht eintrifft, dass Prince gestorben ist - und mit dieser holt ihn auch seine Vergangenheit ein und verändert wieder die Grundfeste seines Lebens.

Seit vielen Jahren warte ich nun bereits auf ein Buch von Birbaek. "Die beste zum Schluss" war sein letzter Roman und hat mich faszinierend durch meine Jugendzeit geführt. Nach diesem Roman habe ich auch seine restlichen vier Romane "Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen", "Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr", "Beziehungswaise", "Nele & Paul" gelesen und wurde zu einem Birbaek-Fan. Es hat mich sehr gefreut, dass er ein neues Buch geschrieben hat. Ohne den Inhalt zu kennen, habe ich es sofort vorbestellt.
Die Geschichte ist, typisch Birbaek, nostalgisch aufgebaut.  Das narrative Erzählen über Beziehungen und Höhen und Tiefen des Lebens beherrscht der Autor exzellent. Seine Figuren sind "lebensecht". Wenn man zwischen Fiktion und Leben beim Lesen nicht mehr unterscheiden kann, ist es ein Zeichen von Genialität.
Was mir nicht gefallen hat, ist die überaus explizite Schilderung der musikalischen Aktivitäten. Diese breite Anekdote über Prince und die ständig wiederholende Darstellung seiner Attribute. Weniger wäre hier tatsächlich mehr gewesen. Zeitweise hat es letztendlich gelangweilt.
Aber Prince hat Michel Birbaek wieder zum Schreiben gebracht - und die Ich-Figur Leo Palmer zum Nachdenken - also kann man über diese Sequenzen auch die Augen zudrücken.
Ansonsten ein großes Lesevergnügen!

Samstag, 10. März 2018

So enden wir - Daniel Galera - Sprachrohr der Gesellschaft



Unruhen auf den Straßen. Korruption, Gewalt und die bevorstehende Weltmeisterschaft 2014 dominieren die Gesellschaft in Porto Alegre. Inmitten dieser Krisengesellschaft begegnet uns eine Clique bestehend aus Menschen, die ein divergierendes Leben suchen, fernab von der Moderne. Nostalgisch wünschen sie sich das Jahr vor der Jahrtausendwende zurück, als die Welt noch lebenswert war. Im neuen Jahrtausend gibt es diese Welt nicht mehr. Sie ist vergessen und verloren.

Emiliano, Aurero, Antero und Andrei schrieben in ihrer Jugend in einem Blog, welchen sie Orangotango nannten. Unbewusst lösten sie eine Bewegung los, die von vielen Menschen verfolgt wurde. Sie waren provokant, polarisierten die Thematiken der Zeit und suchten die Wahrheit. Viele Jahre später merken sie erst, welche Wirkung sie damals auf die Menschen hatten. Zudem ist aus den einzelnen Protagonisten etwas geworden. Emiliano wurde Journalist, Aurero Dr. in Biowissenschaften, Antero ein Millionär durch Marketing und Andrei erfolgreicher Autor. Sie trieben fort in ihre Karrieren und werden erst wieder Jahre später durch die Ermordung von Andrei zusammengeführt

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive der einzelnen Figuren beschrieben. Kapitelweise wechselt die Sicht zwischen den drei Figuren, die ihr Leben reflektieren und die Beziehung zu Andrei (Duke) thematisieren. Ihre Sprache ist frech und vulgär. Jedoch ist insbesondere die einzige weibliche Figur, Aurero, im Vordergrund der Geschichte, die die Auswirkungen der neuen Gesellschaft zu spüren bekommt. In ihr sind die Wehrlosigkeit und die Gesellschaftsbrüche verkörpert. Während die Aufgaben der anderen Protagonisten in der Aufklärung des Todes von Andrei bestehen und der Beschreibung der Notstände und Ausweglosigkeiten. Außerdem instrumentalisieren sie Aurero und helfen einen enzyklopädischen Einblick in ihr Leben zu gewinnen.

Der Autor Daniel Galera gehört der jüngeren Generation an und ist 38 Jahre alt. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, übersetzt selber auch Texte und schreibt Kolumnen für eine Zeitschrift. Seine Stärke in diesem Buch liegt in der Beschreibung und der Sprache und weniger in der Dramaturgie. Die Handlung findet nur langsam an Fahrt und bleibt oftmals im Wissensapparat des Autors stecken. Immer dann, wenn er versucht sein Wissen zu manifestieren, wirkt es so, als wolle er sich selbst inszenieren und lässt hierbei die Handlung auf der Strecke. Es steckt sehr viel Potential in diesem Autor. Er wird mit Sicherheit, in den nächsten Jahren, einige konstruktive Werke erschaffen. Dieses Buch könnte als Einstiegswerk dienen, um die Sprachergonomie des Autors kennenzulernen. Wer Handlung und Spannung sucht, wird sie nicht finden. Literarisch ist es allerdings äußerst gut gelungen.



Freitag, 9. März 2018

Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern - Timo Blunck - Eine wilde Odyssee



Über 100 Frauengeschichten, Schlägereien, wilde Partys, Drogen-Nächte und eine Reise um den gesamten Globus. Schröder hat epische Kapitel für seinen Lebenslauf kreiert. Wenn man sich am Ende des Lebens an die Highlights erinnern soll, die das Leben ausgemacht haben, kann Schröder ein bibeldickes Buch manifestieren. Aber er ist nicht stolz auf sein Leben. Vielmehr bereut er die Odyssee seiner Lebenstortur. Nachdem er betrunken und high zusammenbricht, zwingt ihn seine Schwester Esther dazu, sich in Therapie zu begeben. Dr. Schulz bekommt seine gesamte Lebensgeschichte zu hören und wird von der Geschichte so stark angezogen, dass sie jegliches Zeitgefühl verliert.

Wer ist dieser Schröder? Nach der Lektüre kann man diese Frage sehr leicht beantworten. Es ist eine Figur, die über 50 ist und erfolgreich durch viele Länder mit seiner Band tourte. Zusammen mit seinem imaginären Begleiter Knirpsi, der ihm immer wieder suggeriert, was er tun und denken soll. Er fungiert als dunkle Seite in seinem Hirn. Bereits früh wollte Schröder nicht so sein wie seine hochgebildeten Eltern. Seine Distanz zu seinem Vater, der Uni-Professor ist, führt ihn zu einem Draufgängerleben. Erste Sexerfahrungen erlebt er daher erst mit seiner Flucht. Die daraus evozierte erste Liebe ist zum Scheitern verurteilt. Über Jahre hinweg lernt er das Leben der Randgesellschaft kennen. Aus diesen Erfahrungen entwickelt er ein eigenes Bild von der perfekten Frau. Statt süß, intelligent, hübsch und sozial, entscheidet er sich für verrucht, geil, extrovertiert und abenteuerlustig.

Timo Blunck war selbst erfolgreicher Bassist einer Band und projiziert seine Erfahrungen auf den Inhalt dieses Buches. Es wirkt selten verstellt und solidarisiert sich mit einer Authentizität der Texte. Besonderes Augenmerk legt er dabei auf die 80er Jahre, die für ihn besinnungslose Sexorgien implizieren.

Die Geschichte dreht sich neben zahlreichen Abenteuern, Sexorgien und Sexlüsten auch um die Erfahrungen der Liebe. Schröder erschafft sich das Bild seiner perfekten Frau in Sophia, die es meisterhaft versteht sein Leben in ein Dramastück zu verwandeln. Sie bringt ihn in die kuriosesten Situationen und drängt ihn ständig zu Entscheidungen, die verlustgeprägt sind. Während er in Sehnsucht verfällt und die Liebe zu einer Reise macht, die ständig auf ihren Lebenswegen flaniert, beschäftigt sie sich ständig auch mit anderen Männern.

Der Schreibstil des Autors ist sehr prägnant. Sein Ich-Erzähler wirkt ständig authentisch und man kann sich äußerst schnell mit ihm identifizieren. Leider verliert sich das Buch mit ansteigender Seitenzahl in Banalität. Schröder verliert viel Sympathie, weil er Entscheidungen wie ein kleiner Schuljunge trifft. Das Buch beleuchtet ständig neue Zeitepochen und selbst diese verlieren mit zunehmenden Fortschreiten des Buches an Bildhaftigkeit und Emotion. Mühsam quält man sich letztendlich bis zum Schluss.

Marcel Reich-Ranicki forderte daraufhin oftmals 200 Seiten weniger. Diese hätten diesem Buch tatsächlich deutlich mehr Strahlkraft verliehen.

Freitag, 23. Februar 2018

Das Leben des Vernon Subutex 2 - Virginie Despentes - Die Unsichtbaren



Vernon Subutex steht kurz vor dem Tod und ist dennoch zufrieden. Nach der Flucht vor der Schlägerei, in der sein Freund Xavier schwer verletzt wurde, schläft er auf einer Parkbank im Norden Frankreichs. Er erkrankt. In diesen Höllenstunden begegnet er Charles einem Alkoholiker. Zunächst wird er von diesem beschimpft. Als er merkt, dass Vernon sich nicht wert, bringt er ihm Aspirin und Orangen. Vernon überlebt und gibt den Anstoß für die neue Geschichte. Der gesamte Roman schwingt in dieser Showeinlage: zwischen überleben und erleben. Kratzt immer am Rande des Wahnsinns. 

Die Geschichte knüpft an, wo sie aufgehört hatte. Die Suche nach der Kassette von Alex Bleach geht weiter. Dieselben Protagonisten tanzen auf der Bühne der Entdeckungsfreude und Vergangenheitsbewältigung. Zudem stoßen weitere Bettler, Verlierer und Traumtänzer in die Welt der Unsichtbaren. Anhand der Figurenkonstellation versucht Virginie Despentes die Ketten der Gesellschaftsschicht zu sprengen. Die, um die es normalerweise nie geht, spielen die übergeordnete Rolle. Ihre Leben werden reflektiert. Sie versucht den Glanz der Welt zu verbergen und den Schimmel am Horizont zum Leuchten zu bringen. 

Ähnlich wie im ersten Teil sind die Figuren vulgär, gesellschaftskritisch und brutal. Wir bekommen einen tiefen Blick in ihre Leben. Zunächst ist man äußerst verwirrt, weil so viele Figuren in das Feld geworfen werden, dass man nicht weiß, was sie in der Geschichte bewegen sollen. Am Ende jedes Kapitels löst sich die Frage jedoch auf und die Verknüpfung wird einem äußerst schnell deutlich. 

Man sollte definitiv den ersten Teil lesen, bevor man sich in dieses Werk stürzt. Zwar gibt es zu Beginn eine kurze Figurenerläuterung, diese ist jedoch für eine Orientierung gut, aber nicht genug. Insbesondere wird das Leben von Vernon Subutex einfach viel zu marginal behandelt. Im ersten Teil bekam man eine äußerst intelligente Sichtweise seines Lebens präsentiert. Im zweiten Teil scheint er nur eine Randfigur zu sein. Viele Figuren übertrumpfen ihn. Ohne den ersten Teil würde man die Geschichte nicht verstehen. Vor allem nicht, wieso das Buch "Das Leben des Vernon Subutex" heißt.

Ansonsten ist es wieder ein hervorragendes Buch. Die Sprache die Despentes verwendet ist ausgezeichnet. Die Stilmittel, die Originalität, die Detailtreue und poetische Intelligenz entwerfen ein hochliterarisches Werk ohne das Spannungsfeld außer Acht zu lassen und das ist ein Können, welches man unbedingt würdigen muss.


Montag, 25. Dezember 2017

Die Optimierer - Theresa Hannig - Äußerst realistische Zukunftstendenzen



Was wären wir für Menschen, wenn wir uns kennen würden, ohne uns kennenlernen zu müssen? Wäre Freundschaft eine Utopie? Wäre die Liebe plastisch? Oder wären wir zufrieden, weil wir die Makel bereits im Voraus kennen würden und so nicht verletzbar wären und keine Angst vor einer schmerzhaften Trennung haben müssten. Sind Erfahrungen jedoch nicht jene, die uns erst als Menschen ausweisen? Theresa Hannig hat ein Buch geschrieben, welches vorausdenkt. Es manifestiert eine erstrebenswerte Welt, welche am Puls der Zeit zu liegen scheint, die jedoch auch viele Fragen an die Gesellschaft und ihr technifizierendes Zukunftsdenken stellt.

Es gibt nur mehr synthetisches Fleisch. Eine Kommunikationslinse im linken Auge zeigt alle Informationen, die man für das Leben wissen muss und autorisiert alle Personen, die einem über den Weg laufen. Automatisierte Autos, die keine Lenker benötigen und Roboter im Alltag, die alles regeln sind die Eckpfeiler des neuen Staates: Bundesrepublik Europa. Samson Freitag ist ein sehr zufriedener Bürger. Er lebt in München und arbeitet als Lebensberater. Es ist das Jahr 2052. In diesem soll sich einiges für ihn ergeben: eine Beförderung steht im Raum und außerdem bereitet er einen Heiratsantrag für seine Freundin Melanie vor, mit der er laut der Software zu 86 % zusammenpasst. Für die Beförderung fehlen ihm ein paar Sozialpunkte. Diese sammelt man, wenn man gutes für den Staat tut oder Korrekturvermerke an den Staat weiterleitet. Er hat stolze 980 Punkte und ist somit ein angesehener Bürger.

Das Prinzip des Staates ist einfach: jeder, der gebraucht wird, wird unterstützt. Sollte jemand jedoch nicht die Kriterien erfüllen, die der Wirtschaft nützlich sind, kommt er in die Kontemplation. Das bedeutet er wird ausgegliedert aus der Gesellschaft. Man bekommt ein Grundeinkommen und muss nie mehr etwas tun. Samson stört das nicht. So funktioniert das und er empfindet das als fair. Nur die Guten und Klugen können einen Staat aufrechterhalten. Außerdem schottet sich die Bundesrepublik Europa von allen anderen Staaten der Welt durch einen Zaun ab. Keiner darf in diese famose Welt. Für eine noch perfektere Ausgestaltung wird eine Konstellation von Berufsrobotern in den Arbeitsbereichen eingeführt, die alles überwachen. Sie sind fehlerlos. Menschen jedoch neigen zu Fehlern.

Die Elegien gegen diese Überwachungswelt werden strengstens überwacht und bestraft. Erst als Samson von seiner Freundin verlassen wird, weil er versessen ist ein optimaler Bürger zu werden und dem System blind folgt, beginnt sein Leben eine Drehung zu bekommen. Er entdeckt einen mysteriösen Fehler im System der Lebensberatung und begeht selbst einen Fehler, der ihn in eine Gefahr bringt, die sein ganzes Leben verändert.

Theresa Hannig hat sich an ein Thema herangewagt, welches sich explizit mit Zukunftsvisionen beschäftigt, die unserer Zivilisation nicht fremd sind. Edward Snowden öffnete der Welt die Augen, doch sie hielt sie verschlossen. Diese ablehnende Haltung gegen das Offensichtliche suggeriert eine äußerst folgende Gesellschaft, die ein System blindlinks akzeptiert. Deswegen sind Szenarien wie dieses Buch sie aufzeigt keine Unwahrscheinlichkeit. Sie erzeugen Bilder, die zum Nachdenken bewegen. Die Sprache im Buch ist eine äußerst prägnante, die auch mit sehr kurzen Kapiteln umzäunt wird. Was dem Buch fehlt, ist die Strahlkraft in den Figuren. Sie scheinen mir zu mechanisch und „robotisiert“. Die Hauptfigur Samson ist trotz aller Umstände nicht in der Lage eine Humanität zu gewinnen. Diese lieblose Ausgestaltung der Figur und die Machtlosigkeit einer Entwicklungstendenz, stumpfen das Buch etwas ab. Ansonsten ist es ein sehr zu empfehlendes Buch mit großem Potenzial und Visionen.




Rezensionen:

Das schönste Mädchen der Welt - Michel Birbaek - Literarischer Soundtrack

Leo hatte alles und an einem bestimmten Moment im Leben verlor er alles wieder. Bandtour, Auftritte und eine Freundin, Stella, die seine...