Freitag, 21. Juli 2017

Spectrum - Ethan Cross - Zukunftsmusik







Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Autos mit Verbrennungsmotoren. Durch die Präsentation der Elektroautos mag es kein allzu utopischer Gedanke sein. Doch was wäre, wenn die Autos eine Batterie hätten, die man niemals aufladen müsste. Energie auf Lebenszeit. Ferner gedacht: jeder Haushalt könnte ohne Stromkabel auskommen, weil eine installierte Batterie für alles ausreichen würde. Ein unfassbar famoser Gedankengang. Aber was, wenn sie dazu eingesetzt werden würde, um Drohnen überall über die Häuser schweben lassen zu können. Unbegrenzt langer Aufnahmemodus. Jedes Leben könnte gezielt beobachtet werden. Mit diesen und vielen weiteren Machenschaften beschäftigt sich Ethan Cross in seinem neuen "Thriller".

Die Figurenvielfalt ist ein zentraler Aspekt dieses Buches. Man wird auf den ersten Seiten mit vielen Figuren konfrontiert. Was zunächst für diffuses Vorankommen sorgt. Schnell lichtet sich diese Verwirrung und man gewinnt viel Sympathie für die Protagonisten. Durch die auktoriale Erzählweise bekommt man eine sehr gute Darstellung der einzelnen Charaktere. Es ist sehr schwierig eine Hauptfigur zu kennzeichnen. Die Geschichte ist so aufgebaut, dass viele Figuren eine zentrale Position einnehmen. Neben Nic vom SWAT stehen Carter als FBI Agent, Burke als Analyst vom FBI und Krüger als Profikiller auf einer Ebene der signifikanten Positionen in der Anekdote. Ein exzentrisches Bild gibt Burke ab, der am Asperger Syndrom leidet. Eine exorbitant hohe Intelligenz mit einem Doktortitel in Kriminalpsychologie und zwei Mastertiteln, sowie eine Angst vor der Nähe zu Menschen, machen ihn zu einer interessanten Figur.

Einerseits trifft er sehr rasch richtige Entscheidungen. Andererseits agiert er sehr untypisch und merkwürdig für einen Menschen. Diese Ambivalenz streut in einem ansonsten ernsten Thema eine Spur von Humor und belebt den Inhalt der Ereignisse.

Ethan Cross ist ein Pseudonym und hat bereits vier erfolgreiche Thriller geschrieben. Die Shepherd Organization, die Teil dieser Thriller ist, wird auch in diesem Buch kurz erwähnt. Wie üblich für den Autor, gibt es sehr fließende Übergänge bei den Kapiteln. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und die Sätze sind prägnant und sehr leicht verständlich. Sehr schnell wird klar, dass der Autor nicht nur eine bahnbrechende Zukunftsvision manifestieren will, sondern auch die Fronten zwischen CIA und FBI aufzuzeigen versucht. Die Qualität ist hoch, auch wenn sie nicht an die Thriller um die Shepherd Organization ankommt.


Zu Beginn wird ein Massaker in einem Camp in Südafrika eingeführt. Dieses spielt für die weiteren Handlungen eine Rolle. Die Geschichte spielt sich ansonsten rund um Vegas ab. Ein Überfall auf eine GoBOX Filiale, welche für Wertpapiere und geheime Operationen zuständig ist, ist der essentielle Teil dieses Buches. Beinahe die gesamte Handlung dreht sich um den Überfall.

Es ist jedoch keinesfalls ein üblicher Überfall bei dem es sehr schnell gehen muss. Die Räuber lassen sich sehr lange Zeit und zögern alles sehr lange hinaus.
Welchen Zweck verfolgen sie dabei? Warum wollen sie nur mit einem führenden FBI Agenten sprechen? Und wieso mischt sich die CIA in die Sache ein? Intrigen werden gesponnen, die das Weltbild unserer Gesellschaft nur zu genau widerspiegeln.

Es ist ein äußerst gelungener Thriller mit einigen zu langen Sequenzen. Manchmal ist weniger wirklich mehr. Die Klarheit der Sprache und die fantastische Konstellation der Figuren bereiten dem Leser extrem viel Freude. Zwar wird die Thematik sehr schnell aufgelöst und die Spannung vorweggenommen, aber es ändert nichts daran, dass man wissbegierig bis zum Ende lesen will. Mit Burke wurde zudem eine Figur erschaffen, die Potenzial hat eine heldenhafte Gestalt in weiteren Romanen von Ethan Cross zu werden. Es bleibt abzuwarten wie der Autor weitervorgehen wird. Eine Fusion zwischen der Shepherd Organization und einigen der neuen Charaktere ist mit Sicherheit kein abwegiger Gedanke. Dieses Buch ist als Thriller- und Fantasyroman mit Zukunftsvorstellungen zu verstehen und absolut zu empfehlen.


Sonntag, 4. Juni 2017

Fenster zum Tod - Linwood Barclay - Eine bittere Enttäuschung



Thomas ist anders. Er leidet an Schizophrenie. Niemand nimmt ihn ernst. Wie ein kleines Kind muss er sich von Tag zu Tag kämpfen. Dabei ist er bereits 35. Sein Zuhause ist das Internet. Expliziter: Whirl365. Eine Internetseite auf der er sich in jeder Straße der Welt frei bewegen kann. Karten und Orte sind seine Lebensinhalte. Bis er eines Tages auf eine Merkwürdigkeit stößt. An einem Fenster erblickt er einen Kopf, der in einer weißen Plastiktüte zu stecken scheint. So als würde er gerade erstickt werden. Doch wer soll ihm das glauben, vor allem als wenige Tage später der Kopf nicht mehr zu sehen ist, aber dieselben Autos und Menschen auf der Straße stehen.

Das Buch beginnt brisant. Man wird sehr schnell in die Thematik hineingezogen und will wissen, was hinter dieser Sache steckt. Doch die Geschichte wird sehr schnell aufgelöst. Man kann sich nach in etwa 300 Seiten bereits denken, wie die Geschichte ausgehen wird. Es wird aus sehr vielen Perspektiven erzählt. Diese jedoch werden nicht raffiniert manifestiert, sondern decken die Geschichte relativ früh auf.


Der Ich-Erzähler Ray ist ein Illustrator. Er ist der Bruder von Thomas. Er sieht das Bild auf dem Bildschirm ebenfalls. Zunächst denkt er, dass es sich um eine Puppe handelt. Doch als weitere Morde geschehen, beginnt er seinem Bruder zu glauben. Er fängt an zu recherchieren und landet sehr bald selbst in den Radar der Täter.Vor allem diese Ich-Figur, die die größte Erzähltragweite einnimmt, ist sehr schwach ausgeleuchtet. Wenig Leben und wenig Sympathie zeichnen diese Figur aus. Schnell wird man von dem Buch gelangweilt, weil die Figuren äußerst apathisch sind.


Es gibt auch eine Liebesgeschichte in diesem Buch. Doch selbst diese ist nicht prickelnd erzählt. Sondern verläuft so unrealistisch wie der gesamte Inhalt des Buches. Man wird als Leser weder gefordert noch auf die Folter gespannt. Nach in etwa 400 Seiten löst sich das Ekstatisch komplett auf und man will das Ende gar nicht mehr wissen, weil man es sowieso bereits im Kopf konstruiert hat.


Linwood Barclay ist ein begnadend guter Thriller-Autor, der mit beinahe jedem Buch auf den Bestsellerlisten landet. „Ohne ein Wort“ und „Nachts kommt der Tod“ verdienen diese Etikettierung allemal. „Fenster zum Tod“ ist eine sehr interessante Idee. Diese wurde jedoch relativ schwach umgesetzt. Es sind 590 Seiten, die einen viele Stunden nehmen und beinahe nichts geben. Die wertvolle Zeit des Lesens sollte man definitiv in andere Bücher investieren.



Donnerstag, 25. Mai 2017

Post für Mrs. Bromley - Stefan Brijs - Der Krieg ist der Liebe ihr Tod



Krieg ist eine Berührung mit dem Tod. Er hinterlässt Teufelsspuren. Sich zu widersetzen ist die Botschaft, die John und sein Studienkollege William setzen wollen. Doch wie bringt man eine Menge zur Vernunft, wenn sie von den Medien angestachelt wird? Wie beruhigt man eine Masse von Menschen, die tagtäglich Nachrichten von Todesopfern bekommen? Die den Menschen suggerieren, dass Rache die einzige Option ist, um Erlösung im Herzen zu erlangen. Der Kampf der beiden Studenten scheint noch härter zu sein als der Krieg selbst. Entschlossen spricht William immer wieder Parolen gegen den Krieg aus: 
„Die Menschen sind Lemminge. Sie wollen in der Masse mitlaufen. Dort wähnen sie sich sicher. Sie brauchen nicht nachzudenken. Sich nicht zu entscheiden. In einem blinden Drang schwimmen sie im Strom mit, wohin er auch führt. Angestachelt vom Atem der anderen um sie herum. Immer weiter.“

John ist die Hauptfigur, ist 19, und es wird aus der Ich-Perspektive von ihm erzählt. Er wächst alleine mit seinem Vater auf, weil seine Mutter bei seiner Geburt gestorben war. In der Folge nimmt ihn Mrs. Bromley bei sich auf und er wird von ihr gestillt. Die Bromleys sind eine 8-köpfige Familie. Während Mrs. Bromley eine herzensgute Frau ist, ist der Vater ein Tyrann. Martin, der älteste und einzige Sohn, wird Johns bester Freund.

Die Erzählung setzt ein am 05.08.1914. Das Ultimatum an Deutschland ist abgelaufen und die Menge jubelt. Sein bester Freund Martin Bromley will sich sofort freiwillig melden. John ist zunächst nicht geschockt, weil er, wie so viele andere, glaubt, dass der Krieg sowieso bald vorbei sein wird. Er denkt nicht daran, dass er sich meldet und strebt ein Englischstudium an. Sein Vater verkauft sein wertvollstes Buch, um ihn dies zu ermöglichen. Im Studium lernt er William, einen Germanistikstudenten kennen. Ähnliche Gedankengänge verbinden sie. Krieg ist die schrecklichste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Je länger der Krieg jedoch andauert, desto intensiver werden die Manipulationen betrieben. Soldaten werden an Universitäten geschickt, um junge Männer für den Krieg zu überzeugen. Außerdem werden junge Männer, die sich noch nicht für den Krieg gemeldet haben, von Frauen und älteren Männern auf der Straße beschimpft.

Stefan Brijs, der Autor dieses Romans, hat sich sehr intensiv mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt. Insbesondere hat er sein Augenmerk auf London geworfen. Er versucht die Zustände zu beschreiben und die Grausamkeit und die Aussichtslosigkeit zu manifestieren. Er hat bereits mit „Taxi Curacao“ einen fantastischen Roman geschrieben und entwirft mit „Post für Mrs. Bromley“ einen Kriegsroman, der die Hierarchie einer Gesellschaft deutlich zeichnet. 

Mit John erleben wir die Geschichte einer Figur, die versucht gegen den Strom zu schwimmen, jedoch lässt sie sich von Trieben und Manipulationen in den Gedankengängen immer wieder stören. Sein Vater ist ein Postbote und ebenfalls gegen den Krieg. Als die Zahl der Toten zunimmt, erhält er die Aufgabe die Telegramme der Toten, direkt an die Familien auszuliefern. Diese Tätigkeit lässt ihn verrückt werden. Er sieht sich als Totenbote. Als eines Tages ein Telegramm für Mrs. Bromley ankommt, welches John findet, zögert er es ihr auszurichten. 

Darf man die Hoffnung eines Menschen aufrechterhalten durch das Verschweigen einer Wahrheit? Ist der Krieg zu rechtfertigen, wenn man aus Rache handelt? Ist man unschuldig, wenn man nicht aus Eigengedanken, sondern Fremdgedanken gehandelt hat? Josh handelt vielmehr auch aus Liebe. Liebe zu den Menschen und Liebe zu Mary Bromley, der ältesten Tochter. Er versucht zu imponieren und Lösungen für das Unmögliche zu finden. Ihm bleibt jedoch nur die Option des Willens einer höheren Macht. Vielleicht sind diese Schranken tatsächlich die Bilder der Wirklichkeit. Jedoch lassen sie vermuten, dass eine Möglichkeit zum Widerstand ausgeschlossen sei. Eine sehr zweifelhafte These. John versucht Goethes jungem Werther zu gleichen. Dieser scheiterte an der Liebe und beendete sein Leben. John nutzt die Schwierigkeiten der Liebe, um Rechtfertigung für seine destruktiven Entscheidungen zu finden. 
Insgesamt ist es eine großartige Geschichte mit einigen ethischen Schwächen und etwas zu vielen Versuchen, die Seiten unnötig zu füllen.

Samstag, 20. Mai 2017

Dschihad Calling - Carsten Linker – Im Irrgarten des Glaubens



Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie ein Lied hören und es Sie nicht mehr loslässt? Wenn es Sie so sehr mitzieht, dass Sie Probleme und Sorgen vollkommen ausblenden können? In diesem Buch geht es um kein Lied. Jedoch arbeitet es mit ähnlichen Instrumenten. Es manifestiert wie sich durch neue, fremde Klänge von außen eine grundveränderte Melodie des Lebens ergeben kann. Filigran zeigt es die Stufen der Veränderung eines Menschen.

Das Buch ist äußerst interessant aufgebaut. Die Erzählzeit erstreckt sich von Ende Oktober bis Juli und liefert in dieser äußerst kurzen Zeitspanne, eine große Fülle an Ereignissen.  Es wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive des 19-jährigen Jakob und in Tagebuchform aus der Sicht des 19-jährigen Adil erzählt. Anfangs scheinen ihre Geschichten weit auseinander zu liegen, doch fügen sie sich Kapitel für Kapitel ineinander und bilden letztendlich zusammen eine großartige Erzählung.

Doch worum geht es eigentlich? Veränderung wurde bereits angesprochen. Diese ist auch das Kernstück dieses Buches. Jakob ist 19 und führt eine Beziehung mit Liz. Er studiert VWL und lebt in einer WG in Bonn. Außerdem arbeitet er nebenbei in einer Marketingfirma. Er stellt dem Leben keine Fragen und ist mit seiner Situation absolut zufrieden.

Eines Tages trifft er in einem Tunnel eines Bahndammes auf ein Rudel von Pöblern, die ein junges Mädchen mit Kopftuch attackieren. Mutig lenkt er die Aggressoren ab, damit sie flüchten kann. Seit diesem Moment geht ihm dieses Mädchen, welches Samira heißt, nicht mehr aus dem Kopf. Er will und muss sie unbedingt wiederfinden. Als er sie in einem Zeitungsartikel bei einer Salafistenversammlung wiederentdeckt, beginnt sein Interesse sich weiter zu steigern. Schleichend langsam und gefühlvoll beginnt eine Romanze sich zu entwickeln. Auf der anderen Seite beginnt eine Mauer, zwischen seinem alten Leben und seinen neuen Gefühlen, heranzuwachsen. Er fragt sich, ob er tatsächlich zufrieden mit seinem Leben ist. Ob das denn alles schon gewesen ist und es entsteht in ihm eine Blockade für das Gegenwärtige. 

Rasant beginnt er sich von alten Dingen zu trennen, weil sie ihm plötzlich als störend und falsch vorkommen. Ohne Reue und Sehnsucht beginnt seine Formatierung des Verstandes. Er interessiert sich nur mehr für den Islam. Trägt auch auffällige Kleidung, damit man ihn als Moslem auf den Straßen erkennt. Erst als alles zu spät ist, fragt er sich, was er eigentlich gemacht hat. Was sind das für Dinge, mit denen sein neuer Freund Adil ihn konfrontiert? Will er tatsächlich zu dieser Art Organisation dazugehören? Seine Gefühle zu Samira sind so exorbitant, dass er jedoch denkt, dass dies der einzige Weg ist, sich einen Weg zu ihrem Herzen verschaffen zu können.


Christian Linker, dem Autor dieses Buches, ist ein außergewöhnlicher Roman gelungen. Es ist eine Anekdote, die dem Zeitgeist auf dem Zahn fühlt. Linker ist ein preisgekrönter Schriftsteller und Theologe. Sehr schnell merkt man, dass er sich mit der Materie der Religion sehr gut auskennt und sich lange damit beschäftigt hat. Besser könnte man die Prozesse, die in vielen jungen Menschen in unserer heutigen Welt vorgehen, kaum beschreiben. 


Mit einer sehr prägnanten Erzählweise manifestiert uns der Autor die Trümmergeschichten unserer Zeit. Er taucht tief in die innere Welt von Jugendlichen ein und zeigt uns auf eine präzise Art und Weiße, wie sich diese verändern kann. Religion wird wieder aktueller. Leider aus Gründen der Zerstörung. Die tiefe Auseinandersetzung mit jener kann weitreichende Folgen haben. Für viele auch zu Glück und Zufriedenheit führen. Wie schmal jener Grad jedoch ist, zeigen die Aktualitäten unserer Welt. Dieses Buch liefert einen Grundriss dessen, wie Jugendliche abdriften können und was wahrer Islam im Gegensatz zu jenem des IS ist. Außerdem zeigt es auf, wie wenig die Menschen tatsächlich darüber Bescheid wissen. Es wäre eine Überlegung wert, es in den Schulen als Lektüre einzuführen. Eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik sollte insbesondere für Jugendliche ein essentieller Bestandteil ihres Wissensvorrates werden. Aber auch für Erwachsene stellt es einen Inhalt dar, mit dem man sich unbedingt auseinandersetzen sollte, um sich mit den Dingen unserer heutigen Zeit menschlicher und ethischer auseinandersetzen zu können.


Mittwoch, 3. Mai 2017

Taxi Curacao - Stefan Brijs - Die Geschichte einer Generation



Stefan Brijs ist ein 47-jähriger Autor und Lehrer, der mehrere Preise erhalten hat. Bislang sind in deutscher Sprache im btb Verlag »Taxi Curaçao«, »Der Engelmacher« und der Kriegsroman »Post für Mrs. Bromley« erschienen. Im deutschsprachigen Raum hat der Autor noch keinen großen Bekanntheitsgrad. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Umstand bald ändern wird. Selten hat eine Sprache und Konstellation einer Familiengeschichte so tiefe und langandauernde Eindrücke hinterlassen können wie der Roman »Taxi Curaçao«. 

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive eines Lehrers und Ordensbruders aus Curaçao erzählt. Seine Erzählung umfasst die Tage des 18. und 19.7.2001 und spiegelt seine Gedanken des Istzustandes. Ergriffen von den Umständen des Lebens beginnt er die Geschichte der Familie Tromp zu erzählen. Eine Familie, die zum Stück seines Lebensinhaltes geworden ist. Kapitelweise durchwühlt er die frühen Lebensphasen und arbeitet sich Stück für Stück in die Gegenwart hinein. Man wird als Leser auf eine Reise geschickt, die zu einem Erinnerungsbecken wird, in welches man immer wieder gerne zurückkehren und hineinspringen will. 

Es ist eine Generationengeschichte. Sie beginnt mit dem Großvater Roy. Ein stolzer Mann, dem der Ruf seines Lebens den Lebenstakt vorgibt. Nichts ist wichtiger, als sich einen großen Namen zu machen und diesen weiter mit zahlreichen erfundenen Geschichten der Welt zu präsentieren. Im ersten Teil des Romans wird sein vogelfreies Leben reflektiert. Man durchlebt die Geschichte dieser Figur durch alle Facetten des Lebens. Sein Kerngeschäft ist das Taxifahren, von dem er so sehr überzeugt ist, dass für seinen Sohn keine andere Berufung infrage kommt. Sein Dodge, der ihn sein ganzes Vermögen und noch mehr gekostet hatte, ist dabei heiliger als seine Familie. Bis hin zum Ruhestand, ohne dass die Geschichte hierbei zur Ruhe kommen würde, denn es heftet sich nun an die Geschichte seines Sohnes Max.

Bei ihm schlägt ein Generationswechsel an. Es sind die 60er und 70er Jahre. Ende 69 kam es zu einer Ölkrise und somit auch zu einer Geldkrise. Max ist anders als sein Vater. Zielstrebiger. Klüger. Er will der Armut entfliehen und etwas aus seinem Leben machen. Hier spielt der Ich-Erzähler, der sich Daniel nennt und sein Lehrer ist, eine tragende Rolle. Er wird nicht nur ein Freund der Familie. Sondern viel mehr die Stütze, die Beraterfigur und der Erzähler einer unfassbar spannenden Geschichte. Das Schicksal von Max meint es, trotzt zahlreicher guter Absichten, nicht immer gut mit ihm. Curaçao ist die Armut in Person. Da wo Armut herrscht, steckt man tief in ihr drinnen. Hinauszukommen ist beinahe unmöglich. Max kämpft um ein besseres Leben. Versucht dem Taxigeschäft den Rücken zu kehren. 

In der dritten Generation steckt nun der Sohn von Max: Sonny. Es ist die erste Generation, der es nicht mehr so sehr an Geld fehlt. Seine Eltern versuchen alles, um ihm ein Leben zu ermöglichen, welches sie niemals hatten. Trotz zahlreicher Möglichkeiten schlittert Sonny genauso wie seine männlichen Vorgänger immer zwischen Erfolg und tiefer Niederlage. Klug, jedoch scheinen die Klauen der Familientradition immer nach ihm zu greifen. Selbst das Vater-Sohn Verhältnis scheint ein Spiegelbild der männlichen Tradition zu sein. An welchem Punkt scheitert man als Vater?

Zur Jahrtausendwende durchlebt die Insel Curaçao in jener dritten Generation einen Aufschwung. Dieser manifestiert sich jedoch durch das Drogengeschäft. Curaçao liegt zwischen Venezuela und Kolumbien. Sodass Drogenbosse aus der Insel ein Transitland gemacht haben. Curaçao ist ein Land des Königreichs der Niederlande. Die Einwohner gehören zahlreichen Ethnizitäten an. Während die Amtssprache niederländisch ist. 

In dieser Familiengeschichte wird Barber, ein armer Stadtteil der Insel Curaçao, belichtet. Schwarzhäutige Menschen, die um ihre Rechte kämpfen und hoffnungsvoll eine Veränderung der desolaten Zustände herbeisehnen. Stefan Brijs erzählt auf eine unfassbar filigrane Weiße von einer Welt, die man so nicht gekannt hat. Gesellschaftskritisch deutet er darauf hin, wie kleinräumig wir blicken. Wie klein unsere Probleme und Sorgen sind. Dass es Nöte gibt, die wir nie für möglich gehalten hätten. Menschen die über unsere großen Probleme und Sorgen lachen würden. Dieser Roman regt an, die Schwierigkeiten seines eigenen Lebens anders zu reflektieren. 

Seine Konstruktion zwischen fiktionaler Geschichte und historischem Hintergrund eröffnet eine atemberaubende Anekdote, die auf diesem Niveau in den letzten Jahrzehnten kaum Konkurrenz findet. Sehnsucht und Trauer empfindet man nach dem Ende des Buches. Die Sprache, die einen nach dem letzten Wort verlässt, ist wie die verlorene Liebe, die man erst dann begreift, wenn sie nicht mehr da ist.


Freitag, 28. April 2017

Die Entscheidung - Charlotte Link - Die Finsternis unserer Welt



Die mittlerweile 54-jährige Bestseller Autorin Charlotte Link hat ihr nächstes Buch herausgebracht. Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Nach den letzten zwei sehr aufregenden Büchern »Im Tal des Fuchses« und »Die Betrogene«, war die Vorfreude auf den neuen Krimi »Die Entscheidung« dementsprechend exorbitant. 

Charlotte Link Kenner werden von der Erzählweise wenig überrascht sein. Meisterhaft spinnt die Autorin wieder ein Netz von widerwärtigen Konflikten und Geschehnissen. Erwartungsgemäß gelingt ihr das in ihrer prägnanten Sprache äußerst famos. Die Leichtigkeit der Schilderung der Ereignisse ist eine Tugend, die diese Autorin zu ihrer breiten Beliebtheit verholfen hat. Der Stil ihres Erzählens verleitet Menschen dazu, sich auch in Geschichten verlieben zu können. Bei dem neuen Werk scheint mir jedoch die Intensität zu groß zu sein. Die Beschäftigung mit den Details zu ausgeprägt. Seitenfüller. Unwichtiges als Wichtiges reklamierend. Ungewohnt bei dieser ansonsten prägnanten Schreiberin.


Die Handlung spielt sich zu einer Zeit ab, in der in Frankreich wegen der Terroranschläge immer noch der Ausnahmezustand herrscht. Die Erzählung beginnt mit einer Flucht Anfang Dezember, und umfasst eine mehrwöchige Odyssee durch Missverständnisse, Elend, Macht und Angst. Kapitelweiße werden immer die Tage datiert, an denen sich die Handlung abspielt. Eine Reise ist es auch deswegen, weil sich die Geschichte an mehreren Orten abspielt und sie, trotz der großen Entfernungen zueinander, verbindet. Paris, Lyon, Les Lecques und Sofia sind dabei zentrale Verbindungsantennen.

Die Hauptprotagonisten des Romans Nathalie und Simon sind die Säulen der Erzählung. Wobei Nathalie aus einer monologartigen Ich-Perspektive ihre Geschichte und die gegenwärtigen Handlungen erzählt und Simon aus der auktorialen Erzählsicht beschrieben wird. 
Weiters wird die Geschichte, wie bei Link gewöhnlich, aus der Sicht von vielen verschiedenen Figuren dargestellt. Man bekommt ein Konstrukt einer Geschichte aus den Augen vieler Charaktere. Diese äußerst interessante Vorgehensweise macht den Inhalt dieses Buches spannend. Die Spannung gerät jedoch immer dann ins Wanken, wenn die Erzählung dazu neigt, alles immer genau schildern zu wollen. Es macht den Eindruck einer Erklärungsnot. Mit den zunehmenden Seiten überschwemmt diese Schreibweise die Spannungselemente.

Simon ist ein 40-jähriger Übersetzer aus Hamburg, der seit einigen Jahren geschieden ist. Seine Mitmenschen echauffieren sich über seine Art, es jedem recht machen zu wollen. Durch seine Gutmütigkeit erreicht er immer das Gegenteil seiner Intentionen. Als seine Kinder ihm absagen, das Weihnachtsfest mit ihm zu verbringen, bleibt er in dem Ferienhaus seines Vaters in Frankreich alleine zurück. Seine neue Beziehung läuft ebenfalls auf sehr glattem Eis, sodass er betrübt einen Spaziergang am Strand vollzieht. Als er dort einen Streit mitbekommt und von einer jungen Frau angefleht wird ihr zu helfen, ist es wieder seine Gutmütigkeit, die ihn in eine verlegene Position kommen lässt. Er nimmt die fremde, verstörte Person mit sich in das Ferienhaus.
Der größte Fehler seines Lebens. Ab diesem Moment stürzt ihn seine Hilfsbereitschaft in eine Verstrickung, die sein Leben für immer verändern wird.

Das Buch handelt viele Themen am Puls der Zeit ab. Machtverhalten, Armenverhältnisse, Lebenskrisen und die heutzutage sehr präsente Thematik der Schleuserbanden sind dabei das Zentrum. Der Blick auf diese verschiedenen Themen wird sehr vergrößert dargestellt und durch die verschiedenen Charaktere manifestiert. Die Figuren, die aus verschiedenen Milieus stammen, versuchen diese Begriffe, aus verschiedener Sichtweise zu tragen und zu erklären. 

Die Problematik scheint mir hier zu sein, dass manchen Figuren die Authentizität fehlt. Manche Figuren wirken zu plastisch und zu hohl. Simon und Nathalie, die zwei Hauptcharaktere dieser Geschichte besitzen kaum Strahlkraft. Man fühlt sich als Leser sehr distanziert zu ihnen. Man versucht viel Abstand zu ihnen zu gewinnen.  Ein Ergebnis von zu wenig Leben in den Figuren. 
Um Marcel Reich-Ranickis Quintessenz zu Detailverliebtheit zu verwenden: 250 Seiten weniger hätten dem Buch mehr Stärke verliehen. Charlotte Link hat schon bessere Bücher geschrieben. Jedoch ist dieses Werk eines, welches sich mit sehr essentiellen, gesellschaftskritischen Themen befasst. Zu lesen lohnt es sich aus diesem Grund allemal.


Sonntag, 23. April 2017

Wie der Soldat das Grammofon repariert: Sasa Stanisic: Eine Erinnerung an ein großes Land



Sasa Stanisic ist ein 39-jähriger Autor aus Bosnien. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgestattet und gehört zu den größten deutschsprachigen Schreibtalenten. Er hat Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studiert. Das Buch "Wie der Soldat das Grammofon repariert" wurde in über 30 Sprachen übersetzt und in Graz auf der Bühne aufgeführt.
Die Sprachgewalt und ihre Wirkung sind auf bemerkenswerte Art und Weiße gelungen. Wörter, die zu starken Bildern werden. Geschichten, die nach Erinnerungen streben. Es geht um ein Land, welches von der Bevölkerung geliebt wird, aber zerfallen muss. Leise und weit weg scheint der Krieg zu sein. Selbst als er lange schon herrscht, redet keiner davon und denkt, dass es schnell vorbei sein wird. Sasa Stanisic hat ein Buch geschrieben, welches die Magie besitzt, mit filigranen Mitteln, Menschen in atemlosen Zustand zu versetzen.
Der Ich-Erzähler Aleksandar wächst in Visegrad als 14-Jähriger auf. Er ist halb Moslem und halb Orthodoxe.Sein Vorbild ist sein Großvater Slavko. Dieser ist Vorsitzender eines Lokalkomitees in Visegrad. Zahlreiche Stunden verbringen sie an der Drina und lesen das Kapital. Tito ist das große Vorbild.  Aleksandar ist ein Anhänger von unvollendeten Dingen. Äußerst intelligent hinterfragt er das Leben. Er versteht vieles nicht und als er es verstehen will, bricht bereits der Krieg aus und das Hinterfragen ist nun nutzlos. Jetzt darf nichts mehr gefragt werden, weil es unwichtig ist. Überleben ist die Tagesordnung. All die gewöhnlichen Sachen des Lebens gibt es nun nicht mehr. In den Schulklassen werden die Bilder von Tito abgehängt und seine Ideen vergessen gemacht.

Zusammen mit den Nachbarn des Hochhauses sitzen sie in einem Keller. Soldaten marschieren ein und fragen nach Namen. Er beschützt seine Freundin Asija, indem er ihr einen "richtigen" serbischen Namen gibt.
Sie flüchten schließlich 1992 nach Deutschland. In Essen bekommen sie beim Onkel Unterschlupf, in dem fünf weitere Familien leben. Schwarzarbeit und Kampf um Akzeptanz werden die neuen Grundordnungen ihres Lebens.  Als das Dayton-Abkommen den Frieden wieder einlenkte, mussten sie wieder zurück. Freiwillige Rückkehr nannte man das. Aber wie soll eine Rückkehr, eine Rückkehr sein, wenn es sich um einen Ort dort handelt, dem die Hälfte der ehemaligen Bewohner fehlt, fragt sich Aleksandar. Er darf bleiben, wegen seines Studiums, seine Eltern wandern nach Amerika aus.

 Die Geschichte ist durchpflügt mit Erinnerungen. Wie die Zeit vor dem Krieg war. Was der Krieg hinterlassen hatte und wie sich ihr Leben verändert hatte. Das Angekommensein und die Suche nach der Erinnerung und der Wahrheit sind zentrale Themen des Buches.  Die Suche nach einer Wahrheit (aber welcher?) "... einen Hobel, der von den Geschichten die Lügen abkapseln kann und von den Erinnerungen den Trug" wünscht sich der Hauptprotagonist.
Nach dem Ende des Krieges will er wissen, was aus den anderen geworden ist. Er schreibt Listen auf, um sie zu finden. Er will seine Asija finden. Hat ihr all die Jahre Briefe geschrieben, ohne eine Antwort zu erhalten.
Das Buch ist eine Suche nach dem Frieden, nach der wahren Geschichte, nach den Opfern, der Liebe, den Freunden. Eine Frage um ein Land, welches nicht mehr existiert. Wie konnte das geschehen? Menschen, die sich liebten, die sich schätzten, wurden zu Feinden, die sich nicht mehr kannten.  Sasa Stanisic hat mit diesem Buch ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Er wirft Fragen auf, die uns an die Türe unserer Herzen klopfen. Die uns wehmütig nachdenken lassen. Er spiegelt eine Gesellschaft wider, die verlor, weil man ihr suggerierte, das dies der richtige Weg sei.

 

Mittwoch, 12. April 2017

Die größere Hoffnung: Ilse Aichinger: Die Hoffnung als Lebenselixier


Die Wesenszüge der Geschichte heften sich klammheimlich an die Lebenserfahrungen der Autorin. Jedoch ist dieses Werk nicht als Assoziation einer expliziten Autobiographie zu deuten. Vielmehr ist es eine Sammlung aus Erlebtem und Fiktivem. Eine Sammlung, da es keine lineare Geschichtserzählung ist, sondern aus vielen epischen kurzen Anekdoten besteht. Sie versucht die Gräueltaten des 2. Weltkrieges zu projizieren. Im Folgenden möchte ich kurz versuchen, die wichtigsten Aspekte zu erläutern und die Frage zu klären, wieso der Text immer wieder einen Zusammenhang zum Titel „Die größere Hoffnung“ schafft.

Zu Beginn des Buches findet ein Konsul Ellen, die Hauptprotagonistin, schlafend auf einer Landkarte. Sie bittet ihn, um ein Visum, da keiner für sie bürgen will und ihre Mutter bereits nach Amerika ausgewiesen wurde. Der Konsul gewährt ihr kein Visum aus dem Grund, weil nur jemand, der sich selbst ein Visum geben kann, frei ist. Als sie am nächsten Tag aufwacht, ist keiner da. Sie hört nur von einem Blinden, dass der Krieg ausgebrochen sei. Dieser wird während des Buches noch zu seinem Höhepunkt gelangen und immer heftiger.
Die erste Begegnung mit der Hoffnung macht man in der Szene, in der Ellen auf Kinder am Kai trifft. Diese warten, dass ein Kind ins Wasser fällt, damit sie es retten könnten, dann würde man für sie bürgen, weil sie eine heroische Tat vollbracht hätten. Die Kinder besitzen 4 „falsche“ Großeltern und es ist aus ihrer Perspektive die einzige Möglichkeit für eine Hoffnung.

In einer nächsten Abfolge spielen die Kinder auf einem Friedhof, weil sie Spielplätze nicht betreten dürfen. Züge fahren rasend schnell vorbei, als wollten sie den Kopf wegdrehen, um das Grauen nicht zu sehen, so wie die Menschen es auch tun. Im Friedhof sinnieren sie darüber, wo sie hinkönnten. Sie beschließen, dass es das Heilige Land sein müsste. Jerusalem. Dort könnten sie sorglos leben. In diese Gedanken tritt wieder der Hauch einer Hoffnung ein.

Die Kinder spielen ständig ein Spiel im Dunklen. Sie suchen dabei den Frieden. Ein Mann, der sich als Freund ausgibt, spielt es eines Tages mit ihnen. Jedoch, um sie an Ort und Stelle zu halten, weil sie deportiert werden müssen. Alle bis auf Ellen. Sie macht sich auf die Suche nach den Freunden und findet sie. Ein Oberst vernimmt sie und sagt, dass sie doch froh sein müsse ordnungsgemäß gemeldet zu sein. Dies sei nicht selbstverständlich. Dadurch, dass Ellen nur zwei „falsche“ Großeltern hat, hat sie auch mehr Rechte. Sie antwortet ihm, dass man nicht an den Einzelfall denken sollte, sondern an die große Menge. Die Macht. Sie wird wegen unerlaubten Antworten und Fragen verurteilt und soll am nächsten Tag abgeholt werden. Sie sagt, dass selbst sie alle in den Behörden nicht wissen, woher sie sind. Ellen behält auch in größter Gefahr die Hoffnung, ihre Freunde noch retten zu können.

Am nächsten Tag wütet der Krieg. Bomben platzen. Sie erwacht in einem Keller. Macht sich auf dem Weg zu der Brücke, um das Land zu verlassen. Sie gibt bis zu ihrem letzten Atemzug ihre Hoffnung nicht auf..

Ellen schließt sich den Unterdrückten an, weil die Machthaber, die ihresgleichen sind, ihr fremd und bestialisch vorkommen. Aichinger hat einen Roman geschrieben, welcher die Gefühlswelt der Personen in den Vordergrund stellt. Es ist nicht die Geschichte, sondern es sind die Charaktere, die diese Geschichte entblößen als ein Meisterwerk.
Die Frage, wer für sie jemals bürgen wird, beschäftigt die Kinder das gesamte Buch lang. Wo liegt die Berechtigung für das Bürgen? Wie weit zurück geht sie? So weit bis zu Kain und Abel, wo selbst für sie nicht mehr gebürgt werden kann? Die Hoffnung steht für die Freiheit. Frei ist man nur, wenn man den Idealen und Vorstellungen der Gesellschaft entspricht. Die Hoffnung entblößt sich jedoch als Fata Morgana. Schön, unerreichbar, bezweifelbar, ein Schein der trügt.

Als sie  auf einem Dachboden sitzend von Soldaten befragt werden, wo ihre Regeln seien, antwortet ein Mann, den sie mit einem Messer in den Bauch gestochen hatten, »... und ihr? Weshalb seid ihr hier? Weil ihr euch nichts erklären könnt, zieht ihr in den Krieg! Weil ihr euch lächerlich vorkommt, schlüpft ihr in die Uniform.« (Aichinger 1945: 104)
Diesen Scheinglanz der Hoffnung versucht Aichinger auch durch einen älteren Mann zu widerlegen: »Man behält nur das, was man hergibt ...

Gebt ihnen also, was sie euch nehmen, denn sie werden immer ärmer davon. Schenkt alles weg, um es zu behalten. Werft den Glanz eurer Gesichter in die Finsternis, um ihn zu verstärken.« (Aichinger 1945: 152). 
Die Hoffnung würde sie alle ändern. Doch sie sollten bis zum Schluss sie selbst bleiben.



Rezensionen:

Spectrum - Ethan Cross - Zukunftsmusik

Stellen Sie sich eine Welt vor ohne Autos mit Verbrennungsmotoren. Durch die Präsentation der Elektroautos mag es kein allzu utopisc...